Beginn des Wassermann-Zeitalters

Selbst in unserer Superlativ-affinen Zeit kann man das, was in dieser Woche bei Google stattfand, als Generationenbruch bezeichnen. Die Gründer des Suchmaschinenkonzerns Larry Page und Sergey Brin treten ab und geben das Zepter an einen Nachfolger weiter, der im Silikon Valley-Kosmos wie ein Außerirdischer wirken muss.
Sundar Pichai, 47 Lenze zählend und in Indien gebürtig, ist der neue Steuermann.

Den Namen des Herrn kannte man schon. Bisher war er ein wenig in der „Harry hol schon mal den Wagen“-Position und stemmte Dinge, auf die Larry und Sergey keine Lust hatten. Aber er übernahm mehr und mehr auch das Tagesgeschäft. Mit dem Rückzug von Larry Page und Sergey Brin scheinen die Google-Erfinder zu dokumentieren, was manche Beobachter schon mutmaßten. Den beiden Herren ist das eigene Kind zu erwachsen geworden. Aus einem kleinen innovativen Unternehmen wuchs ein Riese – manche behaupten, ein Monster – das Erfolg hat, aber auch von allen Seiten unter Feuer genommen wird.
Gehörte Exzentrik bei der Silikontal-Elite bisher zum guten Ton, stammt Sundar Pichai aus einer anderen Schublade. Häufigstes Wort bei seiner Beschreibung: nett

Die andere Kultur
Um gleich jeden Verdacht des Rassismus abzuschmettern – die Überschrift bezieht sich auf eine veränderte Firmenkultur, für die Pichai steht. Oder stehen könnte. Der Google-Mitarbeiter sind viele, eine kleine, aber lautstarke und öffentlichkeitswirksame Gruppe äußert sich immer wieder zu internen und brisanten Themen, wie dem Chinageschäft, sexueller Belästigung unter Kollegen oder der Zusammenarbeit mit dem Militär. Wie gesagt, nur eine kleine Minderheit, eigentlich winzig klein, aber von den Medien stark beachtet.

Und da wir gerade bei den Lords of Silikon Valley waren. Gab es nicht vor einigen Wochen ein Rauschen im Blätterwald, als im Zuge der Metoo-Debatte saftige Details von den Feten der jungen Dollar-Götter an die Öffentlichkeit drangen, bei denen die Herren der Schöpfung nicht so gut wegkamen und ein Gegentyp ganz willkommen wäre?

Herr Pichai hat bisher schon CEO-Aufgaben erledigt. Er gilt als Mann ohne Ellbogen, einer der weiß, wie Dinge anzupacken ist. Auf der anderen Seite wird von ihm behauptet, dass er kein Managertyp sei, der sich strukturiert durch seinen Aufgabenzettel arbeitet. Positiv schlägt zu Buche, dass Pichai zuhören kann und sich auf politischem Parkett gekonnt bewegt. Genau dies wird wohl in den nächsten Jahren immer wichtiger werden.
Insofern scheint der nette Herr Pichar eine geniale Wahl zu sein. Wenn allerdings kolportiert wird, mit Pichar habe nicht der Lauteste oder Schlaueste gewonnen, sondern der Netteste, dann scheint dies, aus weiblichem Mund wohlgemerkt, als vergiftetes Lob. Denn wir alle wissen, die Mädels heulen sich bei den Netten aus und hüpfen mit den bösen Jungs in die Kiste, um sich dann bei den Netten usw. usf.
Aber Vorsicht. Sundar Pichai könnte bei aller Nettigkeit ein harter Knochen sein. Mitten aus der indischen Armut an die Spitze von Google und Alphabet, dazu gehört mehr als ein Habeck-Lächeln. Es heißt, für Pichai sei frisches Wasser – bedingt durch seine Kindheit – noch immer Luxus und Hochgenuss. Also jemand, dem man glauben darf, wenn er anfängt, Wasser zu predigen …