Google putzt die Platte

URL klingt ein wenig nach einem Urkanton in der Schweiz – die Sorte mit tiefen Tälern und hohen Bergen und Dörfern, in denen alle Menschen miteinander verwandt sind. URL klingt auch wie die onomatopoetische Andeutung des letzten Seufzers eines besonders hässlichen Monsters in einem Fantasy-Schmöker. Und hier stellt sich dann die Frage: Brauchen wir URL, außer als Dreierwort ganz unten links im Kreuzworträtsel? Google, das uns bekanntlich viele Fragen beantwortet, sagt: Nein. Und schon fängt die Diskussion an.

Google will doch nur spielen
Tatsache ist, dass Google immer wieder neue Feineinstellungen vornimmt und Tests durchführt. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass sich daraus auch permanente und für den Nutzer spürbare Änderungen ergeben.
Schon im Jahre 2013, glaubt man dem Branchen-Flurfunk, setzte Google den ersten Test an und ließ die URL von den Suchergebnissen verschwinden. Auch in den folgenden Jahren wurden diese Experimente weiter durchgeführt. 2015 ließ Google dann die Katze aus dem Sack und verkündete offiziell, fürderhin bei mobilen Suchergebnissen auf die Anzeige der URL zu verzichten. Es folgte der Rücktritt vom Rücktritt – und erneute Tests im Jahr 2017.

URL – reif für die Insel?
Die derzeitige Diskussion kochte hoch, weil Google Ende Oktober wieder einmal einen begrenzten Test zum Thema NO-URLs durchführte, Spielfeld war der Chrome-Browser. Auf den ersten Blick war die Google-Welt völlig in Ordnung. Auf den zweiten fehlten die bekannten https:Irgendwas/Undnochzeugs/Undnochmehr-Buchstaben.de.
Nun dürfte es so sein, dass dieser Verlust den Normalnutzer sowieso nicht juckt. Liebe Leute, wer macht sich denn noch die Mühe, so eine ellenlange URL in die Leiste zu hacken? Kaum einer, der teutonische Internet-Weise Sascha Lobo sicherlich auch nicht, weil ihm sonst die Zeit für die Frisurpflege fehlen dürfte.

Denn, sagen wir, wie es ist: URLs sind meistens derart kryptisch, gerne auch mit der Möglichkeit, sich zu vertippen versehen, dass nur Masochisten oder SEO´s sie lieben. Zudem, noch ein Argument dagegen, erfährt man aus dem Titel der Webseite ebenso viel wie aus der URL. Und hauen wir noch ein Argument drauf: Wenn Du dir keine hübsche URL gesichert hast, gerätst Du in die Defensive: nasenbohren24.com schlägt budike.riechkolbenreinigung.fete, über die dahinter stehende Qualität ist damit aber noch gar nichts ausgesagt.
Was bedeutet, dass Google bzw. seine Suchmaschine zurecht für den Normalnutzer der Haupteingang in das Internet darstellt. Aus Sicht von Google sind die URLs also obsolet.

Hortus conclusus
Es wird darauf hingewiesen, dass nicht allein Google die URL aufs Abstellgleis schiebt. Auch Apple blendet bei Safari Teile aus, bei diversen Apps kommt der Nutzer mit URL nicht mehr in Berührung.
Und wieder einmal sind wir bei der Frage nach Macht und Einfluss. Denn sicherlich ist der Ich-nutze-Google-als-Zugang-Effekt im Sinne des Unternehmens. Mehr Nutzer bedeutet mehr Vermarktungspotenzial, kann aber für diverse Anbieter problematisch werden. Das Stichwort lautet Walled Garden und führt wieder in den Bereich von Monopolen, Marktmacht und letztlich Verdrängung.

Wie es mit den URLs weitergeht, ist derzeit noch offen. Der deutlichen Tendenz, sie aus dem Bereich der Sichtbarkeit zu verdrängen, steht die Meinung gegenüber, dass vor allem die Gefahr durch Phishing-Seiten dagegen spricht. Für Vertreter dieser Sichtweise sind URLs ein mögliches Warnsignal vor dem Betreten derartiger Internet-Fallgruben. Google, so wird argumentiert, könnte das Vertrauen seiner Nutzer riskieren.
Warten wir also ab und denken an die Lautsprecherdurchsagen in unseren Lieblingsfilmen: „Dies ist eine Übung!“